
Freier Fels in brauner Brandung
Ansprache von Jürg Stüssi-Lauterburg aus Anlass des 70. Jahrestages der Kriegsmobilmachung, Jegenstorf, 2. September 2009
«Comme nos ancêtres nous voulons rester maîtres chez nous, nous voulons vivre et nous y mettrons le prix. Il faut qu’on le sache à l’étranger et que les étrangers qui demeurent chez nous, sachent aussi à quoi ils s’exposent s’ils étaient tentés de l’oublier.»1
Heute vor 70 Jahren machte die Schweizer Armee mobil. Der vierte von der Vereinigten Bundesversammlung gewählte Oberbefehlshaber, Henri Guisan, der Mann, der in Vorträgen im Land in den späten Dreissiger Jahren die eingangs zitierten unsterblichen Worte sprach, verfügte als General über die militärischen Machtmittel der Schweiz, welche dadurch unterstrich, dass es sich bei der Neutralitätserklärung des Bundesrates nicht um eine Phrase handelte, sondern um heiligen Ernst.
Militärisch bereitete Guisan einen Fall vor: Die erwartete Invasion der deutschen Nationalsozialisten auf die Armeestellung2 Sargans – Zürich - Windisch3 und Villigen - Jurahöhen – Plateau von Gempen auflaufen lassen und vor dieser stark befestigten Linie zusammen mit der letzten grossen Demokratie unter unseren Nachbarn vernichten.
Die Absprachen mit Frankreich waren neutralitätsrechtlich korrekt, es bestand kein Automatismus. Die französischen Divisionen wären erst nach einem deutschen Angriff und nach einem bundesrätlichen Hilfsgesuch in Marsch gesetzt worden.
In den letzten vier Monaten des Jahres 1939 herrschte in Europa Krieg, aber von der Schweiz aus gesehen an der Peripherie des Kontinents, zunächst vor allem in Polen und danach im von Adolf Hitlers neuem Bündnispartner Josef Stalin überfallenen Finnland.
Der nächste grosse Schlag galt im April 1940 Norwegen und Dänemark. Diesem Überfall auf zwei neutrale Staaten folgte im Mai der Angriff auf die ebenfalls neutralen Länder, die Niederlande, Belgien und Luxemburg und der mechanisierte Durchbruch der deutschen Panzer bei der französischen Stadt Sedan an der Maas.
Frankreich fiel. Wer wissen will, wie sich die Grande Nation damals von innen präsentierte, findet nichts Besseres als die Schilderung des britischen Kriegspremiers Winston Churchill. Nun beherrschte nicht nur Hitler Frankreich, sondern das Italien Benito Mussolinis war in den Krieg eingetreten, die Schweiz von der Achse rund umschlossen. Die Briten gaben, insgeheim zwar, aber für alle spürbar, welche den Puls des Geschehens griffen, die Schweiz am 13. Juni 1940 verloren: Sie suspendierten alle Lieferungen in unser Land und kamen erst am 20. Juli darauf zurück, da sie feststellen konnten, dass die Schweiz noch nicht untergegangen war.4 Zur wirtschaftlichen Isolation trat die militärische und die moralische: Militärisch hing die Armeestellung in der Luft, sie war unmöglich mehr zu verteidigen, wenn der Feind von Genf via Schaffhausen und Sargans bis zum Grossen St. Bernhard zugleich angreifen konnte. Moralisch breitete sich eine, durch die wenig mutige Rede Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz vom 25. Juni 1940 noch geförderte, pessimistische Stimmung aus.
Der doppelte, militärische und moralische, Impuls in die Gegenrichtung, auf den Widerstand zu, ging von General Guisan aus, der am 25. Juli 1940 alle Kommandanten aller Bataillone, aller Regimenter, aller Brigaden, aller Divisionen, aller Korps auf das gute Schiff «Stadt Luzern» befahl, mit ihnen aufs Rütli fuhr und dort – zum grossen Verdruss von Nazis und Faschisten - im Wesentlichen sagte:
«Solange in Europa Millionen von Bewaffneten stehen und solange bedeutende Kräfte jederzeit gegen uns zum Angriff schreiten können, hat die Armee auf ihrem Posten zu stehen.»
Grundgedanke der neuen Réduit-Strategie war es, die Alpentransversalen Lötschberg, Simplon und Gotthard fest in Händen zu halten und glaubwürdig zu drohen, sie im Falle eines Angriffs auf Monate hinaus unbrauchbar zu machen, dadurch das Nachfliessen deutscher Kohle und deutschen Stahls nach Italien stark zu verringern (denn der bereits überlastete Brenner konnte kaum noch mehr schlucken) und so den Verbleib Italiens im Krieg zu gefährden.
Diese sehr dynamische Konzeption verstanden die Achsenmächte genau und Guisan wurde für sie definitiv zur Unperson5, deren Sturz sie mit diplomatischen Intrigen und politischer Propaganda forthin anstrebten. Umgekehrt sahen die Amerikaner in klarem Licht, wer zur Demokratie stand, nicht zuletzt weil ihr Militärattaché in Bern Barnwell Legge geheimen und direkten Zugang zu Guisan erhielt.
Vom Augenblick an, in dem die Réduit-Strategie in Umsetzung war, ging es für die nun aus dem Hauptquartier Interlaken geführte Armee in erster Linie um den Geist, um die Ausbildung, um die Einsatzvorbereitung. Die Festung Crestawald, die Artilleriewerke Fürigen und Faulensee und Dutzende weiterer Anlagen – zum Teil wie die genannten liebevoll als historisches Kulturgut gepflegt – legen noch immer Zeugnis ab. Moralisch gewann der Widerstand das Ringen um die Seele der Schweizer und Schweizerinnen klar gegen die Tendenz zu jeder Art von Anpassung. Um die Lage mit zwei repräsentativen Persönlichkeiten zu bezeichnen: Oscar Frey triumphierte in der öffentlichen Meinung über Gustav Däniker den älteren. Einen legitimen Auslauf erhielten eher Deutschland zuneigende Kreise in den vom Namen Eugen Bircher untrennbaren Ärztemissionen an die deutsche Ostfront, in welchen auch Menschen dienten, denen es ausschliesslich um das Humanitäre des Einsatzes zu tun war. Einen illegalen Auslauf bot die so genannte Schutzstaffel der Nationalsozialisten, bei der einige Hundert Schweizer aus der Schweiz (im Unterschied zu Auslandschweizern) dienten. Wer in die Heimat zurückkehrte, wurde bestraft.
Die Wirtschaft der Schweiz war und blieb während langer Jahre die Existenz bedrohenden Drücken ausgesetzt. Da gab es die britische und amerikanische Blockade, deren Grundsatz war, nichts auf den von den Nazis kontrollierten Kontinent gelangen zu lassen. Die Schweiz erhielt zwar von Zeit zu ganz unregelmässiger Zeit Ausnahmegenehmigungen, welche mittels so genannter Navicerts systematisiert wurden, aber die Hauptsorge der britischen Blockadebürokraten blieb, die helvetischen Vorräte klein zu halten einerseits und andererseits schweizerische Lieferungen nach Deutschland zu minimieren. Konnte die Schweizer Handelsdiplomatie das eine oder andere Arrangement erzielen – gegen schweizerische Exportzusagen, versteht sich – musste diese Lösung die Zustimmung der Deutschen erhalten, denn diese hielten die Schweiz im Würgegriff ihrer Gegenblockade. Zudem lieferte das Reich jene Kohle und jenen Stahl, ohne welche das industrielle Leben in der Schweiz zum Erliegen gekommen wäre. Zwar wollten die deutschen Aussteller so genannter Geleitscheine auch etwas von der Schweiz – die Benützung der Transversalen für den Export nach Italien und einen möglichst grossen Teil der Produktion der Schweizer Industrie. Räumte man ihnen die Erfüllung solcher für das Überleben der Schweiz unabweisbaren Wünsche ein, brauchte es dafür aber wieder die Bewilligung der Briten, denen in aller Regel die Zugeständnisse an die Deutschen viel zu weit gingen, weil diese ihre Feinde waren.
Fürwahr, Jean Hotz, der Kopf der Schweizer Handelsdiplomatie, hat sein Denkmal in Nänikon redlich verdient, auch so aber war das Überleben mit 16° Höchsttemperatur und dem Schlachten ganzer Viehherden, um Ackerfläche für Friedrich Traugott Wahlens Anbauschlacht zu gewinnen eine nur unter Einschränkungen und Opfern eines ganzen Volkes erreichbare Leistung.
Trotz einer aus der Notwendigkeit der Kriegslage geborenen Kultur der Geheimhaltung – 33 Todesurteile wegen Landesverrats wurden ausgesprochen, 17 davon vollstreckt6 - , die bis heute noch Spuren in typisch schweizerischen Einstellungen hinterlassen hat, war der herrschende Ton 1939 bis 1945 der demokratische, republikanische, liberale. Antisemitismus war selten, er kam aber vor, in einem Fall bis hin zum Mord an Viehhändler Arthur Bloch in Payerne am 16. April des besonders mörderischen Jahres 1942. Die Verbrecher wurden bestraft, sobald der Arm der Gerechtigkeit ihrer habhaft wurde.
Primär wahrscheinlich latente Angst, plötzlich mit der unerfüllbaren deutschen Forderung nach Auslieferung aller Flüchtlinge konfrontiert zu werden, führte zur vorübergehenden Grenzschliessung von 1942, führte dazu, dass die Schweizer Behörden das nach Bern geflüchtete junge Ehepaar Zagiel über die Grenze nach Frankreich zurückschafften und damit in Lebensgefahr brachten. Die Tragik der Geschehnisse wird nicht gemildert durch die allerdings ebenfalls zu konstatierende Tatsache des funktionierenden demokratischen Systems: Private Reklamationen, Strassendemonstrationen, Presseartikel und eine lange Parlamentsdebatte brachten jene Lockerungen, welche in den Augen der Zeit mit der gebotenen Ökonomie der Kräfte und der real existierenden Bedrohung noch vereinbar waren.
Ökonomie der Kräfte war Bundesrat Eduard von Steigers Hauptargument für die zurückhaltende Praxis. Steiger mag überängstlich gewesen sein, das Wort aber, das die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer jetzt denken, dieses Wort hat er nicht ausgesprochen. Gesagt hat er am 30. August 1942 an der Landsgemeinde der Jungen Kirche in Zürich-Oerlikon:
«Wer ein schon stark besetztes Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen und ebenso beschränkten Vorräten zu kommandieren hat, indessen Tausende von Opfern einer Schiffskatastrophe nach Rettung schreien, muss hart scheinen, wenn er nicht alle aufnehmen kann. Und doch ist er noch menschlich, wenn er beizeiten vor falschen Hoffnungen warnt und wenigstens die schon Aufgenommenen zu retten sucht.»7
Tausende sind tatsächlich gerettet worden, die meisten legal, einige illegal, aber in einer Art von Illegalität – die Illegalität eines Armand und einer Suzanne Spira-Metzger in Porrentruy etwa - welche ihren hohen Nachruhm redlich verdient hat. Tausenden bot die Schweizer Armee, bot das Schweizer Volk Schutz und Zuflucht.
Die Armee stand – immer so stark, wie unter den Umständen gerade noch vertretbar – an den alpinen Transversalen, in geringerer Zahl an der Grenze und zur Verzögerung im Zwischengelände. Guisan fasste aber schon 1942 eine Landung der Alliierten am Ärmelkanal ins Auge und liess die nötigen Vorbereitungen für den Marsch aus dem Réduit an die Hand nehmen. Zwei Jahre später trat das Ereignis dann tatsächlich ein und nun war Interlaken nicht mehr das richtige Hauptquartier des Generals. Deshalb wechselte er hierher, nach Jegenstorf.8
Jegenstorf9 war in der Mitte des 13. Jahrhunderts die Besitzung Kuno von Jegenstorfs, eines der ersten Schultheissen Berns. Mitherr von Jegenstorf war eine Zeit Rudolf von Erlach, der – im Zeichen des weissen Kreuzes – die Laupenschlacht 1339 gewann.10 Seine heutige Form verdankt das Schloss zur Hauptsache dem Ordenssterne liebenden, und daher volkstümlich Stärnebrächt genannten, Schultheissen Albrecht Friedrich von Erlach. Albrecht Friedrich war der Grossvater des unglücklichen Verteidigers der Republik Bern gegen die Franzosen 1798, General Carl Ludwig von Erlachs. Johann Rudolf von Stürler, dem das Schloss im Jahr des Franzoseneinfalls gehörte, kämpfte als Artillerieoberleutnant in der Schlacht bei Fraubrunnen bis zuletzt mit.11 Dieser heroischen Geschichte war sich, wenigstens in den groben Umrissen, Henri Guisan durchaus bewusst, Jegenstorf war 1944 und 1945 so wenig zufällig gewählt wie 1940 das Rütli.
Von Jegenstorf aus trat Henri Guisan zurück ins Glied, hier rief er seine direkt unterstellten Offiziere zusammen, um mit ihnen die Summe des Aktivdienstes zu ziehen. Sie finden den Text der Rede im heute vorgestellten Buch im Wortlaut abgedruckt.
So wie das Rütli und Jegenstorf den General inspirierten, schöpfte in den harten Jahren – von den Bombenabwürfen und den Flugzeugabstürzen12 und den Überflügen und den Grenzzwischenfällen in der Luft und am Boden13 und dem Nervenkrieg und der Spannung in einer Nachrichtendrehscheibe konkurrierender Dienste und so vielem mehr haben wir gar nicht gesprochen – schöpfte also das Schweizer Volk seine Kraft aus seiner jahrhundertealten historischen Erfahrung. Es galt, die Wiederholung von Erniedrigungen zu vermeiden und hinter Grosstaten nicht zurückzustehen. Es ist kein Zufall, dass 1941 das Einsiedler Ex Voto der 1799 vom Landesfeind als Geiseln verschleppten Schweizer Staatsmänner kopiert und auch in Niederrickenbach (wohin die Zurückgekehrten genau so gepilgert waren wie nach Einsiedeln und Sörenberg) prominent neu angebracht wurde.14 Und es ist auch kein Zufall, dass Hans Zulligers «Buebebärg»15 aus demselben Jahr 1941 mit den ermutigenden und auch unsere Gegenwart und Zukunft verpflichtenden Worten schliesst:
«Hütigstags
Was Trumme, Pfyffen u verwichni Tage?
Was wei mer is i dene Zyten inne
A Murtechrieg u derig Gschichte bsinne?
Meh weder gnue hei mir am Alltag z’gnage!
Ringsume wärde schwäri Schlachte gschlage,
Un üses Ländli angschtet zwüscheninne –
Da darf me nid Vergang’nem nachespinne,
Wo d’Neuigkeite so enanger jage!
Was alti Gschichte jitze batte sölle?
We mir o zwüsche Stüehl u Bänke hange,
Mir wei-n-is nienischt la i Schatte stelle
Vo üsne Atte! Die sy zämegstange
Ir grosse Not! Das wei mer is verzelle
U Byschpiel näh: sie sy nid ungergange..!»
Anmerkungen
1 Henri Guisan, Notre Peuple et son Armée, Conférence par le Colonel commandant de corps H. Guisan, 9 décembre 1938, Zurich: Editions Polygraphiques S.A., 1938, page 38.
2 Walter Lüem und andere, Die Limmatstellung im Zweiten Weltkrieg, Baden: Baden-Verlag, 1997, ISBN 3-85545-105-2.
3 Windischer Zeitung, Nr. 4, Mai 2009, Windisch: Gemeinde Windisch, 2009, Seite 25 («Beton gegen Nazis»).
4 Luzi Stamm und andere, Dignity and Coolness, Lenzburg: Merker im Effingerhof, 2004, ISBN 3-85648-125-7. In diesem wertvollen Quellenband sind die britischen Belege aus der Zeit zwischen dem 5. März 1940 und dem 5. August 1941 gesammelt.
5 Martin Rosenberg, Was war Anpassung, wo war Widerstand?, Bern: Konservativ-Christlichsoziale Volkspartei der Schweiz, 1966, Seiten 28 bis 31 und anderswo.
6 Hermann Böschenstein, Bedrohte Heimat, Bern: Paul Haupt, 1967, Seiten 8 und 9.
7 Gabriel Dondi und andere, Dokumente zur Flüchtlingspolitik der Schweiz im August 1942, Bern: Eidgenössische Militärbibliothek, 2007, ISBN 3-906969-23-1. Georg Kreis schreibt in seinem Nachruf auf Alfred A. Häsler (NZZ, 16. April 2009, Seite 17): «Er kam zu diesem historischen Platz vor allem wegen des 1967 erschienen Buchs zur schweizerischen Flüchtlingspolitik <Das Boot ist voll…>, das leicht verschärfend, ein seither oft zitiertes Diktum des im Krieg verantwortlichen Bundesrats Eduard von Steiger aufnahm.»
8 Claudine Ammann-Buri und andere, Friedrich Traffelet 1897-1954, Soldatenbilder, Jegenstorf: Stiftung und Verein Schloss Jegenstorf, 1989, vor allem die Seiten 9 bis 12.
9 Christian Pfister, Jegenstorf, Jegenstorf: Einwohnergemeinde Jegenstorf, 1989, ISBN 3 85681 215 6.
10 Hans Haeberli, Aus der Besitzergeschichte des Schlosses Jegenstorf, Jegenstorf: Stiftung und Verein Schloss Jegenstorf, 1987, keine ISBN, Seite 10 und fortfolgende.
11 Hans Luginbühl und andere, Vivat das Bernerbiet Bis an d’r Welt ihr End!, Lenzburg: Merker, 2000, ISBN 3-85648-089-7, Seiten 337 und folgende.
12 Zum Beispiel Theo Haas, Die Geschichte eines B-24J-Bomberabstruzes am 16. 11. 1944, Domat/Ems: Theo Haas, 1999.
13 Zum Beispiel Augusto Rima, Confini Minacciati, Pully: Centro di Storia e di Prospettive militari, 1992 ohne ISBN. Bei Rima finden sich auch einzelne Angriffs- und Teilungspläne der Achse.
14 Lothar Emanuel Kaiser, Niederrickenbach, Lindenberg: Kunstverlag Josef Fink, 2000, ISBN 3-933784-91-3, Seite 14.
15 Hans Zulliger, Buebebärg, Bern: Aare Verlag Bern Othmar Gurtner, 1941, keine ISBN, das Zitat auf Seite 27.