Vorsorge macht Sinn!

Dieser Beitrag von André Blattmann, ehemaliger Chef der Armee, erschien exklusiv
in den PL-Mitteilungen 3/2020

André Blattmann (Foto: ZVG)

Ich gebe es zu: Wir haben in unserem Familien-Notvorrat keine «Schutzmasken», obwohl auf der Homepage des BAG seit dem 31. August 2018 zu lesen ist: «Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt der Bevölkerung einen persönlichen Vorrat von 50 Hygienemasken pro Person.» Wussten Sie davon?

Erst in der Krise den Vorrat anzulegen führt zu Engpässen und Ängsten, weil die plötzliche übergrosse Nachfrage nicht befriedigt werden kann. Die Folge sind Hamsterkäufe und steigende Preise.

Das besondere an Notvorräten ist, dass man nicht weiss, ob und wann man sie braucht. Sie funktionieren wie eine Versicherung. Man ist froh, wenn man sie im Ereignisfall hat. Für den verderblichen Anteil braucht es eine regelmässige Kontrolle und einen Umschlag. So betrachtet gibt es nicht einmal Zusatzkosten.

Der Notvorrat ist aber dennoch nicht der Supermarkt im eigenen Keller. Sondern er ist eine Überbrückungsmassnahme, offensichtlich nicht nur als Problemlösung bei Lücken. Vielmehr ist der Notvorrat auch nützlich, um Verhaltensregeln gerecht werden zu können, z.B. «zuhause bleiben». Und es geht darum, in besonderen oder ausserordentlichen Lagen selbstverantwortlich bestehen zu können.

Und darum bringt eine Pandemie, wie wir sie mit COVID-19 erleben, neben Leid und Einschränkungen, auch Chancen mit sich. Sie ermöglicht in verschiedenen Bereichen aufgrund der Erfahrungen über die Bücher zu gehen, oder z.B. das Thema Notvorrat sachlich zu erläutern und zu verstehen. Idealerweise folgen diesen Überlegungen praktische Konsequenzen, indem man selber einen Notvorrat anlegt und/oder sein Verhalten ändert. Es ist klar: Wir selber tragen die Verantwortung, also beginnen wir mit den Vorsorgemassnahmen bei uns und nicht mit Forderungen an den Staat; der hat in Ausnahmesituationen ohnehin viel zu tun!

Stellt sich die Frage: Wann und wo haben Sie, oder Ihre Kinder, oder Ihre Enkel letztmals – vor der Corona-Krise natürlich – etwas zum Thema Notvorrat gehört? Ich glaube, die Antwort zu kennen…

Ich hätte genauso gut fragen können: Wann haben Sie, oder Ihre Kinder, oder Ihre Enkel etwas von einem Sicherheitspolitischen Bericht gehört? Genau genommen handelt es sich derzeit um den Sicherheitspolitischen Bericht 2010 des Bundesrates. Darin wird auch die Pandemie als Gefahr  benannt, neben all den anderen, immer noch gültigen und aktuellen Risiken und Gefahren. Auch hier glaube ich, Ihre Antwort zu kennen…

Dabei ist es eben von grosser Bedeutung, dass die Risiken und Gefahren ernst genommen und dass Massnahmen zur Eindämmung möglicher Konsequenzen getroffen werden. Dafür gibt es ja eine ganze Reihe sicherheitspolitischer Instrumente. Sie alle zusammen, nicht immer in gleichem Mass und gleicher Zusammensetzung, haben die gewünschte Wirkung zugunsten von Land und Bevölkerung zu erzielen, sodass wir in Sicherheit, Freiheit und Wohlfahrt leben können: Polizei, Armee, Grenzwacht, Bevölkerungsschutz, Nachrichtendienst, Wirtschaftspolitik, Diplomatie.

Ein eindrückliches Beispiel dazu lieferte auch in der Corona-Krise die Schweizer Armee. Was immer passiert, sie hat das passende Mittel. In der Corona-Krise waren und sind es Tausende von Männern und Frauen, Sanitäts- bzw. Spitalsoldaten, Militärpolizisten, Infanteristen, aber auch «helping Hands» aus den Rekrutenschulen für Transporte, Wachtdienst und die Küche zwecks Entlastung der Einsatzkräfte. Allen Angehörigen der Armee, aber auch ihren Arbeitgebern und Familien gebührt ein grosser Dank für die erbrachte feine Leistung, die Flexibilität und die Unterstützung! Auch die Mitarbeitenden der Logistikbasis der Armee und der Verwaltung haben Wesentliches beigetragen. Offensichtlich handelt es sich um ein Gesamtsystem das funktioniert. Ja, die Armee ist die einzige umfassende Reserve im Land, nicht nur in der Corona-Krise!

Als Bürger bin ich insbesondere froh, dass dank der Weiterentwicklung der Armee (WEA) gerade rechtzeitig die Mobilmachung wieder eingeführt wurde und dass sie funktioniert. Teil davon ist die «Miliz mit hoher Bereitschaft», ein System, das für bestimmte Verbände verschiedener Truppengattungen, quer durch die Schweiz, die rasche Mobilmachung ermöglicht. Das Prinzip hat man übrigens sinnvollerweise den früheren Alarmformationen abgeschaut.

Hand aufs Herz: Auch in der Armee wird man nach dem Corona-Einsatz aufgrund der «lessons learned» Anpassungen vornehmen müssen. So, wie man das eben beim Notvorrat auch tut. Man kann ja immer gescheiter werden. Korrekturen vornehmen ist nicht schlimm, nichts tun hingegen schon.

Bei anderen Einsätzen, welche durch das Eintreten von Risikound Bedrohungsszenarien notwendig werden können, braucht es vielleicht – oder wahrscheinlich – Truppen in anderer Zusammensetzung. Der «Werkzeugkasten Armee» macht das möglich, wenn denn auch die benötigten Geräte und Systeme zur Auftragserfüllung zur Verfügung stehen.

Die Politik und vereinzelt auch die Bevölkerung werden in den kommenden Monaten und Jahren die Gelegenheit haben, die notwendigen Massnahmen zu treffen bzw. Beschaffungen zu unterstützen. Gerade COVID-19 lehrt uns einmal mehr: Niemand kann die Zukunft vorhersagen. Beim Material ist es wie beim Notvorrat: In der Krise gibt es Engpässe und erhöhte Preise. Stellen wir also jetzt sicher, dass die Armee und damit unsere Bürgersoldaten auf die verschiedenen Szenarien bezogen richtig ausgerüstet und ausgebildet sind. Das sind wir den Angehörigen der Armee schuldig. Viel zu häufig funktionierte die Schweiz seit 1848 nach dem Motto «seule la catastrophe est mobilisatrice». Abschliessend stellt sich tatsächlich die Frage, wann die genannten Themen wem vermittelt werden und wann dazu die Diskussion geführt wird. Denn hier besteht zweifellos sehr grosser Handlungsbedarf.

Wenn alle Gremien, welche von den Massnahmen rund um das Coronavirus betroffen waren, nun selbstkritisch «lessons learned» erarbeiten und umsetzen, sollte die Schweiz auch hier rasch wesentliche Fortschritte machen können.

Ich selber werde also nach der Krise meinen Hygienemasken-Vorrat anlegen und generell überprüfen, ob die Vorratshaltung den Empfehlungen der Behörden entspricht. Und ich werde an der Urne, wenn ich gefragt werde (obwohl es kein Rüstungsreferendum gibt!), Rüstungsinvestitionen zugunsten der Sicherheit unterstützen. Denn: Vorsorge macht Sinn und nach der Krise ist vor der Krise.

André Blattmann, ehemaliger Chef der Schweizer Armee

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