Auf den Spuren von Grimm, Lenin, Trotzki

ZIMMERWALD: Eine Ausstellung im Regionalmuseum Schwarzwasser, Vorträge, Tagungen und ein neues Geschichtsbuch: Das Jubiläum «100 Jahre Zimmerwalder Konferenz» stösst auf breites Interesse. Die Gemeinde Wald leistet aktiv Beihilfe zur Aufarbeitung des bedeutungsvollen Ereignisses.

Der Dorfplatz von Zimmerwald ist heute Parkplatz und Postautohaltestelle, zum Beispiel für Kundinnen und Kunden der Ersparniskasse Rüeggisberg und der Gemeindeverwaltung Wald, die hier an der Kirchstrasse 5 ihre Sitze haben. Vor hundert Jahren wurde an diesem Ort Weltgeschichte geschrieben: Vom 5. bis 8. September 1915 trafen sich führende Köpfe der sozialistischen Internationale zur Friedenskonferenz, unter ihnen Robert Grimm, SP-Politiker und Chefredaktor der «Berner Tagwacht», und die russischen Revolutionäre Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotzki.

Die damalige Konferenz fand nicht auf dem Parkplatz statt, sondern getarnt als Ornithologische Gesellschaft in lauschigen Gaststätten rund um die Pension Séjour. Die Pension, die später als «Lenin-Haus» in die Chronik einging, wurde 1971 abgebrochen. Die Gaststätten stellten ihren Betrieb ein. Vor Ort hat das Ereignis keine Spuren hinterlassen, auch wenn es in der Folge Geschichtsbücher füllte. Vom 3. Mai bis 22. November gibt es im Regionalmuseum Schwarzwasser eine Sonderausstellung zur Zimmerwalder Konferenz. In Bern finden dazu Tagungen und Workshops statt; der eigentliche Gedenkanlass ist für 5. September in Zimmerwald geplant.

Die Gemeinde Wald, durch die Fusion der früheren Einwohnergemeinden Englisberg und Zimmerwald sowie der Schulgemeinde Wald 2004 entstanden, tat sich schwer mit ihrem geschichtlichen Erbe. Die Verwaltung von Zimmerwald erhielt immer wieder Zuschriften aus dem Ostblock mit Solidaritätsbezeugungen an die hiesigen «Genossen Gastgeber», denen diese Art von Fanpost jedoch zuwider war. Die Korrespondenz füllt zwei Bundesordner, die der heutige parteilose Gemeindepräsident Fritz Brönnimann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Positionsbezüge im Kalten Krieg
Der Kalte Krieg tobte gerade auch in Zimmerwald: 1965 führte die rechtsbürgerliche Vereinigung Pro Libertate in Zimmerwald eine «Gegenkonferenz» durch, um die Ereignisse von 1915 aus ihrer Sicht zu kommentieren. Die Gemeinde hatte einen Passus «zum Schutz des gesunden Wohnens» in ihrem Baureglementverankert, um Gedenkstätten und das Anbringen von Gedenktafeln zu unterbinden. Ein Vorstoss im Grossen Rat zur Erhaltung des «Lenin-Hauses» blieb erfolglos. In einer Stellungnahme an den Regierungsrat verteidigte der Gemeinderat von Zimmerwald 1971 den Abbruch, sei doch das Errichten einer Gedenkstätte ohnehin aussichtslos. Die einheimische Bevölkerung hätte eine solche als dauernde Provokation und öffentliches Ärgernis empfunden. Selbst eine Gedenktafel kam für die Behörde nicht infrage. Als  «Aussenreklame» hätte diese den Verkehr an der stark befahrenen Achse gestört.

>> Artikel im Berner Landbote

Quelle: Berner Landbote